Die Verlorenen

The Jewish cemetery of Ratibor – a visit (April 2017)

Digitool_Viewer_-_2017-06-24_18.02.17

An old photograph shows the tomb of Georg Niclas at the Jewish cemetery in Ratibor. Photo: Ilse and William Niclas Collection; AR 25341; ME 1109; Leo Baeck Institute

Georg Niclas died on 10th June 1916 in his 37th year. Under great lamentation, he was buried in the Jewish cemetery on the outskirts of Ratibor. When his son Willi emigrated to the United States in 1936, he also took the photo albums, and with it the only memories of the homeland and the graves of the ancestors. There should never be a return.

Georg Niclas is only one of many people whose life story I research – and who found their last rest in the Jewish cemetery in Ratibor. When we traveled through Poland in April, we decided on a windy day to go to Ratibor (since 1945: Racibórz) to look for the Jewish cemetery.

I knew from research fellows that it was in a bad condition. The information on the location of the cemetery was vague. According to the Wikipedia entry it is in the Głubczyska Street. We drove through Głubczyska Street until we had left Racibórz again. No sign pointed to the cemetery, in the Wikipedia article there is a small photo of an entrance gate. When we passed the spot for the fourth time, we recognized the gate and turned into the sandy side street.

ratibor_jewish_cemetery_13

Garden idyll on graveyard ground. April 2017. Photo: Axel Huber

The former entrance gate now borders a quiet garden idyll. In the small lot of land is a small, fairly new walled hut, the lawn freshly trimmed. A wall protects the owner from all too obtrusive views from the street. The legacy of the Jewish community of Ratibor is dishonored.

ratibor_jewish_cemetery_14

The remains of the Jewish cemetery of Ratibor lie behind the small gardens. April 2017. Photo: Axel Huber

Past the garden idyll a path leads to a small forest. The path through the forest is the same as in the photo of the grave of Georg Niclas. Dense ivy conceals the disgrace of this forest, which overlooks a romantic view of the village and radiates a certain calm.

ratibor_jewish_cemetery_01

The way through the cemetery. Right in the picture a fire place – in the middle of a cemetery. April 2017. Photo: Axel Huber

Under the ivy lie isolated foundations of the graves, remains of gravestones. We found a single half-way full tombstone. Many people throw their garbage into this forest, a larger fire site testifies an unprecedented disrespect for this important part of the history of Racibórz.

The researcher finds even more sad when he finds evidence on two Polish Internet sites that the Jewish cemetery had survived the Second World War quite unharmed. It was not until the early 1970s that the administration of the city renounced the Jewish heritage of the city: the gravestones were cleared and used otherwise, e.g. as gravestones in the Catholic cemeteries.

 

Only since 2014 is a sign indicating that it is a Jewish cemetery – or rather its remains. If nothing happens, this part of the forest will soon be forgotten. Forever.

ratibor_jewish_cemetery_11

Der jüdische Friedhof Ratibor – ein Besuch (April 2017)

Digitool_Viewer_-_2017-06-24_18.02.17

Ein altes Foto zeigt das Grab von Georg Niclas auf dem jüdischen Friedhof Ratibor. Foto: Ilse and William Niclas Collection; AR 25341; ME 1109; Leo Baeck Institute

Georg Niclas starb am 10. Juni 1916 in seinem 37. Lebensjahr. Unter großem Wehklagen wurde er auf dem jüdischen Friedhof am Rande von Ratibor beerdigt. Als sein Sohn Willi 1936 gerade noch rechtzeitig in die USA auswanderte, nahm er auch die Fotoalben mit und damit die einzigen Erinnerungen an die Heimat und an die Gräber der Vorfahren. Eine Rückkehr sollte es nie wieder geben.

Georg Niclas ist nur einer von vielen Menschen, deren Lebensgeschichte ich recherchiere – und die auf dem jüdischen Friedhof in Ratibor ihre letzte Ruhe fanden. Als wir im April durch Polen reisten, entschieden wir uns an einem windigen Tag, nach Ratibor (seit 1945: Racibórz) zu fahren, um den jüdischen Friedhof zu suchen.

Von Forscherkollegen wusste ich, dass er in einem schlechten Zustand ist. Die Angaben zur Lage des Friedhofs waren vage. Im Wikipedia-Eintrag heißt es (Stand: 24.6.2017): „Auf dem jüdischen Friedhof an der Głubczyska-Straße sind nur noch einige Fundament- und Grabsteinreste erhalten.“ Die Głubczyska-Straße fuhren wir erst einmal entlang, bis wir Racibórz wieder verlassen hatten. Kein Schild verwies auf den Friedhof, im Wikipedia-Beitrag gibt es ein kleines Foto von einem Eingangstor. Als wir zum vierten Male an der Stelle vorbeifuhren, erkannten wir das Tor und bogen in die sandige Seitengasse ab.

ratibor_jewish_cemetery_13

Kleingartenidyll auf Friedhofsgelände. April 2017. Foto: Axel Huber

Das ehemalige Eingangstor grenzt nun ein lauschiges Kleingartenidyll ab. In der kleinen Parzelle steht eine kleine, recht neue gemauerte Hütte, der Rasen frisch gestutzt. Eine Bretterwand schützt den Besitzer vor allzu aufdringlichen Blicken von der Straße. Gedanken- und rücksichtslos wird der Erbe der jüdischen Gemeinde Ratibor hier entehrt.

ratibor_jewish_cemetery_14

Hinter den Kleingärten liegen die Überreste des jüdischen Friedhofs Ratibor. April 2017. Foto: Axel Huber

Schlimmer geht es leider immer.

Vorbei am Kleingärtner führt ein Weg zu einem kleinen Waldstück. Der Weg durch das Waldstück ist der gleiche wie auf dem Foto des Grabes von Georg Niclas. Dichtes Efeu verbirgt die Schande dieses Waldes, der auf eine flüchtigen Blick in romantischer Ortsrandlage liegt und eine gewisse Ruhe ausstrahlt.

ratibor_jewish_cemetery_01

Der Weg durch den Friedhof. Rechts im Bild eine Feuerstelle – mitten auf einem Friedhof. April 2017. Foto: Axel Huber

 

Unter dem Efeu liegen vereinzelt Fundamente der Gräber, Reste von Grabsteinen. Einen einzigen halbwegs vollständigen Grabstein fanden wir. Viele Menschen werfen ihren Müll in diesen Wald, eine größere Feuerstelle bezeugt einen beispiellos respektlosen Umgang mit diesem wichtigen Teil der Geschichte von Racibórz.

Noch trauriger wird der Forscher, wenn er auf zwei polnischen Internetseiten Hinweise darauf findet, der jüdische Friedhof den Zweiten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet überstanden hatte. Erst in den frühen 1970er-Jahren gab die damalige Verwaltung das jüdische Erbe der Stadt zum Abschuss frei: Die Grabsteine wurden abgeräumt und anderweitig verwendet, z.B. als Grabsteine auf den katholischen Friedhöfen.

Erst seit 2014 weist ein Schild darauf hin, dass es sich um einen jüdischen Friedhof – besser gesagt um seine Überreste – handelt. Wenn nichts geschieht, wird dieses Waldstück bald in Vergessenheit geraten. Für immer.

ratibor_jewish_cemetery_11

Isidor Schück

Isidor Schück kam zwei Wochen nach dem Tode seines Vaters auf die Welt und erhielt ihm zu Ehren den gleichen Vornamen. Kaum drei Jahre war er alt, da starb auch noch seine Mutter. Liebevoll umsorgt von den Großeltern, von Tante Selma und von Tante Henriette (Jettel), deren Mann gesetzlicher Vormund wurde, wuchs der kleine Isidor auf. Mit 20 Jahren lebte Isidor Schück in Waldenburg (heute: Wałbrzych) und wurde dort auch gemustert. Als Brillenträger wurde er zurückgestellt und als Ersatzreservist eingeteilt. Isidor Schück setzte sich am 9. Oktober 1890 an den Schreibtisch und fertigte eine prachtvolle Abschrift der Lebenserinnerungen seines Opas Israel Goldmann ab. Diese befindet sich heute noch in Familienbesitz.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert zog Isidor Schück nach Berlin (erste Addresse: Kürassier-Straße 10). Er verliebte sich in die junge Hedwig Neumann aus Tuchel und heiratete diese am 6. April 1905. Das Paar bekam zwei Kinder: Joachim Werner Schück (geb. 9.4.1906) und Gerhard Schück (geb. 6.10.1914).

Hedwig Schück brachte eine gute Mitgift von 9000 Reichsmark in die Ehe ein. Isidor Schück verdiente als Handlungsreisender für die Firma H. Freitag  gutes Geld. Die Familie zog mehrfach um (Immanuelkirchstraße 16 und später 36, Trendelenburgstraße 14, Pestalozzistraße 57).

Isidor Schück verschwand am 3. Dezember 1924 spurlos. Seine Leiche wurde am 11. Februar 1925 um 18.30 Uhr in Spandau in der Havel an der Badewiese bei Pichelswerder angespült. Erst zwei Monate später wurde er auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beigesetzt.

Das Grab von Isidor Schück

Das Grab von Isidor Schück auf dem Friedhof Weißensee, Mai 2014. Foto: Axel Huber

Die junge Witwe Hedwig Schück besann sich auf ihre Stärken und machte sich als Näherin selbstständig. Der Erfolg kam mit der Zeit. Hedwig Schück engagierte mehrere Heimarbeiterinnen, die ihr zuarbeiteten.

Die Söhne Joachim und Gerhard verließen Deutschland rechtzeitig, Hedwig Schück fühlte sich zu lange sicher. Sie zog um in die Rochstraße 2, ganz in die Nähe des Alexanderplatzes. Dort liefen die Geschäfte trotz der antijüdischen Propaganda gut. 1941 wurde Hedwig Schück kurzzeitig inhaftiert. Die Details lassen sich nicht mehr herausfinden. Ebenso hat der Kaufmann Ulrich Witt (Georgkirchenplatz 11) einen Vollstreckungstitel gegen Hedwig Schück erwirkt. Obergerichtsvollzieher Lüth erschien am 16. März 1942 in der Rochstraße 2 und pfändete sämtlichen Besitz von Hedwig Schück. Wie er etwa einen Monat später erfuhr, war die Pfändung unrechtmäßig geschehen, da Hedwig Schück ihre Schulden schon längst bezahlt hatte.

telefonbuch_1940

1940 tauchte Hedwig Schück zum letzten Mal im Telefonbuch von Berlin auf – schon mit dem Zwangsnamenszusatz Sara.

Doch die Einsicht von Obergerichtsvollzieher Lüth kam zu spät. Hedwig Schück war am 28. März 1942 deportiert worden. Vermutlich wurde sie kurze Zeit später in Treblinka vergast. Da die Besitzerin „evakuiert worden war“, arbeitete Obergerichtsvollzieher Lüth ganz normal weiter. Am 4. Juni 1942 versteigerte er den Besitz von Hedwig Schück. Es gab richtige Bietergefechte und der Schätzpreis von 890 Reichsmark wurde leicht übertroffen: 1783,60 Reichsmark überwies der Obergerichtsvollzieher zwei Tage nach der Versteigerung auf das Konto des Deutschen Reiches.

Eltern:

– Isidor Schück, geb. 24.1.1869 in Neisse, gest. 11.2.1925 Berlin

– Hedwig Neumann, geb. 28.11.1878 in Tuchel, ermordet 1942 in Treblinka

Kinder:

– Joachim Werner Schück, geb. 9.4.1906 in Berlin

– Gerhard Schück, geb. 6.10.1914 in Berlin


Folgende Informationen habe ich schon auf diesem Blog veröffentlicht:

– Eine ausführliche Darstellung zum Tode von Isidor Schück findet sich hier.

– Der letzte Raub an Hedwig Schück wird hier behandelt.

– Die Deportation von Hedwig Schück wird hier behandelt.

Fedor Schück

Fedor Schück war zwei Jahr alt, als sein Vater starb und etwas mehr als vier Jahre, als die Mutter starb. Das Gericht brachte ihn bei seiner Tante Henriette (Jettel) Herlitz unter. 1877 – da war Fedor zehn Jahre alt – schrieb sein Großvater Israel Goldmann seine Lebenserinnerungen und dachte dabei auch an seine Enkel Fedor, Martha und Isidor. Kurz vor seinem Tode verfügte Israel, dass es den drei Enkeln an nichts fehlen dürfe und dafür stellte er mehr als 800 Thaler bereit. Leider findet sich danach keine Spur mehr zu Fedor Schück. Als 1909 die geliebte Tante Selma starb, schalteten Isidor Schück und seine Schwester Martha Heimann zu zweit eine Todesanzeige. Fedor Schück war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot.

Martha Schück

Martha Schück verliebte sich in den Detillateur und Gastwirt Karl Heimann aus Bosatz bei Ratibor. Vier Kinder bekam das Ehepaar. Der älteste Sohn Curt starb im Ersten Weltkrieg an der Front in Frankreich. Der zweite Sohn Felix überstand den Krieg, verließ die Heimat, wurde Rechtsanwalt und reiste  als Syndikus der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland rastlos durch das Land. Tochter Rosalie arbeitete ab 1925 als Krankenschwester im Jüdischen Krankenhaus zu Berlin und konnte im August 1939 gerade noch rechtzeitig das Land verlassen. Sohn Herbert wurde Lithograph und blieb bei seinen Eltern in Ratibor. 1941 wurden die Juden in Ratibor in eine Baracke beim jüdischen Friedhof verbracht. 1942 starb Karl Heimann dort im Alter von 82 Jahren an Thyphus. Im Alter von 77 Jahren wurde Martha Heimann am 20.11.1942 mit Sohn Herbert nach Theresienstadt deportiert. Herberts letzter Zug ging von dort am 29.1.1943 nach Auschwitz. Martha Heimann überlebte Theresienstadt. Als sie im Herbst 1945 in Berlin eintraf, wurde sie fast eineinhalb Jahre in ein Krankenhaus in Buch geschickt, damit sie sich erholen konnte. Erst 1947 war sie reisefähig und zog zu ihrer Tochter Rosalie nach England. Dort lebte sich in Armut und starb am 9. März 1959.

Eltern:

– Martha Schück, geb. 11.11.1865 in Neisse, gest. 9.3.1959 in Hove (England)

– Karl Heimann, geb. 5.7.1859, gest. 1942 in Ratibor

Kinder:

– Kurt Heimann, geb. 17.07.1894 in Bosatz bei Ratibor, gest. 25.4.1915 in Frankreich

– Dr. Felix Heimann, geb. 15.09.1896 in Bosatz bei Ratibor, ermordet 1942 in Treblinka

– Rosalie Heimann, geb. 2.06.1899 in Bosatz bei Ratibor, gest. 6.12.1997 in Bournesmouth

– Herbert Heimann, geb. 28.10.1901 in Ratibor, ermordet 1943 in Auschwitz


Folgende Informationen habe ich schon auf diesem Blog veröffentlicht:

– Eine ausführliche Darstellung der Familiengeschichte der Familie Heimann findet sich hier.

9.11.1938

sam_1109

The wounded woman: The only known photo of Johanna Weile is an old copy of her identity card as a recognized victim of fascism in the file of the Compensation Office Berlin. Photo: Dr. Jan Schlösser

„I did not know that“, was a often taken excuse after the Second World War. With this mendacious sentence the Germans concealed their very well-known knowledge of humiliation, deprivation and murder of the Jews. Some observations on the fate of Johanna Weile from Schlochau (today: Człuchów) – especially on November 9th 1938.

End of April 1945. A lonely country road near Riesa on the Elbe. The SS murderers flee and leave behind a bunch of prisoners. Closer to death than to life. Johanna Weile wrote to the Compensation Office in Berlin in 1957 that she was „just a touch of man“. Death marches. Dead people. No food. Nothing to drink. The weakened prisoners remain alone for several days. Then the Russians come and free them. Among them Johanna Weile, 41 years old.

Freedom! Freedom? Johanna Weile has not known freedom for a long time. On April 20, 1943, prisoners in Auschwitz tattooed the number 42023 in her left forearm. She survives the mass murder machinery. Her husband Norbert has to work in Auschwitz-Monowitz until he dies. They kill him in December 1943. In January 1945 the death marches begin. Whoever shows the slightest weakness is immediately shot. Somehow Johanna Weile survives Ravensbrück. The marches continue to Malchow. The marches continue to Leipzig. It goes to nowhere. Until the country road near Riesa.

Johanna survives heavily wounded. Once in Auschwitz she finds herself in the angry fists of the SS warden Elisabeth Hasse. Until several teeth are missing and Johanna is fainting. Frostbite, hunger, work consume the healthy body of Johanna Weile. And then the pain in the soul. Every day she experiences the mass murder in Auschwitz, she sees the shining chimneys of the crematoria, smells the burnt people. Later on the fates of the family are gradually clarified.

The beloved husband Norbert Weile: December 13th 1943 – relocated from the Monowitz camp campus to the Auschwitz concentration camp and presumably quickly murdered.

The parents Leopold und Cäcilie Schwarzmann:  Deported from Beuthen on June 2nd 1942. Presumably murdered in Auschwitz.

Sister Jetty (Henriette) Neuding: May 10th 1942 gased in the gas wagon of Chelmno.

Brother Martin Schwarzmann: Staged suicide in the Dachau concentration camp on June 6th 1941.

Almost the entire family of the husband is murdered. Johanna’s sister Rosa Goldmann survives in illegality in the middle of Germany, brother Ernst Schwarzmann in exile in Shanghai and sister Lotte (Charlotte) Simmenauer in exile in Chicago.

The wounded woman will never be healthy again.

———————————————————

Back to November 9th 1938.

Norbert and Johanna Weile operated an agriculture and a successful raw product trade in Schlochau. Only about 2 per cent of the population were Jews, but there was open anti-Semitism already before 1933. There are two descriptions about November 9th 1938 in Schlochau – from victim and perpetrator perspective.

The victim, Johanna Weile, wrote the following lines to the Compensation Office in Berlin on August 5th 1957: „On November 9th 1938 my husband was suddenly arrested and taken to Sachsenhausen concentration camp. I myself had to see as a hostage as the synagogue in Schlochau was set on fire by the SS. After finishing this fire I was able to return to my house. In my absence my entire apartment was demolished and plundered, and the windows had been knocked down. This degrading action caused a complete nervous breakdown.“ Norbert Weile was released again on December 23rd 1938 and had to report to the Gestapo Schlochau weekly.

The perpetrators‘ perspective is provided by the NS functionary Werner Koch from Schlochau, who summed up the November on November 30th, 1938: „On the night of 9th to 10th November, the temples of Jehovah burnt all over Germany. Also the synagogue in Schlochau. On November 10th all the Jews‘ homes were stormed. I was part of it because the SS seemed too lax and lukewarm against the Jews. I can say that under my leadership the SS has cleaned up thoroughly. We have vigorously taken revenge for the murdered von Rath! We have left nothing safe! 63 Jews were taken into custody and transferred to the concentration camp Sachsenhausen near Oranienburg. In this action, I have seen the riches, the quantities of exquisite fabrics, shoes, food and luxury, stacked by the Jews in their homes. In the afternoon the sons of the desert, dressed only in their shirts and trousers, had to wear inscriptions with the words „We are traitors to the country“ through the city. The Judaism had not expected this rage! On the 11th of November I then spoke of the market square in a public demonstration. Two more days later I was stony. “

The daily newspaper „Schlochauer Kreisblatt“ reported on November 12th 1938 about the demonstration mentioned by Werner Koch before the so-called Volksgenossen: „Speaker was Kreispropagandaleiter Koch. […] The Jew, the eternal enemy of our people, now knows that we will not leave unpunished cowardly assassination. We have proved through the past events that we reward “eye for eye, tooth for tooth „. […] Everyone needs to know what is being played, everyone must know that every German human being belongs to the great destiny community (“Schicksalsgemeinschaft”), which must be held together at all cost. Whoever excludes himself is a traitor to his own people. […] Our anger was honest, was quite justified, and the Jew, if we were the oppressed, would certainly not have been so delicate as we did. We must remain vigilant, very vigilant, because the enemy is defeated, but the battle is not yet over. “

The events in Schlochau do not describe an extreme scenario, they stand as an example for the night of terror against the Jewish population in Germany. Everywhere the synagogues burned. Everywhere the Nazi gangs invaded the houses of the Jews, beat and imprisoned the men, smashed the furnishings and took what they wanted. This happened in public. Visible to all Germans. The sentence „I did not know that“ sound very cynically.

When the Jews were deported, a considerable number of administrative workers took care of the last robbery of the victims. These had to deliver an asset information so that they could be expropriated more conveniently at the time of the deportation. House and yard was sold. The  people outbid themselves in the most accurately recorded auctions of the Jewish possession. This happened in public. In the case of family Weile from Schlochau, it is also to be feared that the „new“ owners would be compensated by the German state after the expulsion in 1945.

Johanna Weile moved to Berlin in June 1945. In August 1945 she completed a questionnaire of the Jewish community. In the question „Which losses do you have suffered?“ she wrote honestly: „Everything.“ In 1946, Johanna Weile moved to the USA. She never saw her former home again.

9.11.1938

sam_1109

Die Gezeichnete: Das einzige bekannte Foto von Johanna Weile ist eine alte Kopie ihres Ausweises als anerkanntes Opfer des Faschismus in der Akte des Entschädigungsamtes Berlin. Foto: Dr. Jan Schlösser

„Das habe ich nicht gewusst“, lautete eine gerne genommene Ausrede nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen kaschierten mit diesem verlogenen Satz ihr sehr wohl vorhandenes Wissen um Erniedrigung, Entrechtung und letztendlich Ermordung der Juden. Einige Betrachtungen dazu anhand des Schicksals der Johanna Weile aus Schlochau (heute: Człuchów) – besonders am 9.11.1938.

Ende April 1945. Eine einsame Landstraße bei Riesa an der Elbe. Die SS-Mörder fliehen und lassen ein Bündel Häftlinge zurück. Näher dem Tode als dem Leben. Johanna Weile schrieb 1957 an das Entschädigungsamt in Berlin, dass sie „nur noch ein Hauch von Mensch war“. Todesmärsche. Tote. Keine Nahrung. Nichts zu trinken. Mehrere Tage bleiben die geschwächten Häftlinge alleine. Dann befreien sie die Russen. Darunter Johanna Weile, 41 Jahre alt.

Freiheit! Freiheit? Freiheit kennt Johanna Weile schon lange nicht mehr. Am 20. April 1943 tätowieren ihr Häftlinge in Auschwitz die Nummer 42023 in den linken Unterarm. Sie überlebt die Massenmordmaschinerie, ihr Ehemann Norbert muss sich in Auschwitz-Monowitz zu Tode arbeiten. Er wird im Dezember 1943 umgebracht. Im Januar 1945 starten die Todesmärsche. Wer die kleinste Schwäche zeigt, wird sofort erschossen. Irgendwie überlebt Johanna Weile bis Ravensbrück. Es geht weiter nach Malchow. Es geht weiter nach Leipzig. Es geht weiter ins Nirgendwo. Bis zur Landstraße bei Riesa.

Gezeichnet überlebt Johanna. Einmal in Auschwitz gerät sie in die wütenden Fäuste der SS-Aufseherin Elisabeth Hasse. Bis mehrere Zähne fehlen und Johanna Weile ohnmächtig zu Boden geht. Erfrierungen, Hunger, Arbeit verzehren den gesunden Körper von Johanna Weile. Und dann die Schmerzen in der Seele. Tagtäglich erlebt sie den Massenmord in Auschwitz, sieht die leuchtenden Schornsteine der Krematorien, riecht die verbrannten Menschen. Später klären sich nach und nach die Schicksale der Familie auf.

Der geliebte Ehemann Norbert Weile: 13.12.1943 – verlegt aus dem Lagerlazarett Monowitz ins KL Auschwitz Stammlager und vermutlich rasch ermordet.

Die Eltern Leopold und Cäcilie Schwarzmann:  Deportiert aus Beuthen am 2. Juni 1942. Vermutlich in Auschwitz ermordet.

Schwester Jetty (Henriette) Neuding: 10.5.1942 vergast im Gaswagen von Chelmno.

Bruder Martin Schwarzmann: Inszenierter Selbstmord im Konzentrationslager Dachau am 6.6.1941.

Fast die komplette Familie des Ehemanns wird ermordet. Johannas Schwester Rosa Goldmann überlebt in der Illegalität mitten in Deutschland, Bruder Ernst Schwarzmann im Exil in Shanghai und Schwester Lotte (Charlotte) Simmenauer im Exil in Chicago.

Gesund wird die Gezeichnete nie wieder.

———————————————————

Zurück zum 9.11.1938.

Norbert und Johanna Weile betrieben in Schlochau eine Landwirtschaft und eine erfolgreiche Rohproduktenhandlung. Nur etwa 2 Prozent der Bevölkerung waren Juden, dennoch gab es offenen Antisemitismus schon vor 1933. Zum 9.11.1938 in Schlochau gibt es zwei Schilderungen – aus Opfer- und Täterperspektive. Anlass des angeblich spontanen Volkszorns war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynszpan am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft auf den der NSDAP angehörenden Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath. Dieser erlag am 9. November seinen Verletzungen.

Das Opfer, Johanna Weile, schrieb dem Entschädigungsamt in Berlin am 5. August 1957 folgende Zeilen: „Am 9. November 1938 wurde auch mein Ehemann plötzlich verhaftet und nach dem Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Ich selbst musste als Geisel zusehen, wie die Synagoge in Schlochau von der SS in Brand gesteckt wurde. Nach Beendigung dieses Brandes konnte ich wieder in mein Haus zurückkehren. In meiner Abwesenheit war meine gesamte Wohnung demoliert und geplündert sowie die Fensterscheiben eingeschlagen worden. Diese menschenunwürdige Handlung verursachte bei mir einen vollständigen Nervenzusammenbruch.“ (Die Rechtschreibung wurde angepasst) Norbert Weile wurde am 23.12.1938 wieder entlassen und musste sich fortan wöchentlich bei der Gestapo melden.

Die Täterperspektive liefert  der NS-Funktionär Werner Koch aus Schlochau, der am 30.11.1938 genussvoll den Monat November zusammenfasste: „In der Nacht vom 9. zum 10. November gingen in ganz Deutschland die Tempel des Wüstengottes Jehova in Flammen auf. So auch die Synagoge in Schlochau. Am 10. November wurden sämtliche Wohnungen der Juden gestürmt. Ich war mit dabei, denn die SS ging mir dabei doch zu lasch und lau gegen die Juden vor. Ich kann sagen, dass unter meiner Führung die SS dann gründlich aufgeräumt hat. Wir haben kräftig Rache für den ermordeten von Rath genommen!! Nichts haben wir heil gelassen! 63 Juden wurden in Schutzhaft genommen und nach Sachsenhausen bei Oranienburg ins Konzentrationslager gebracht. Bei dieser Aktion habe ich gesehen, welche Reichtümer, welche Mengen von auserlesenen Stoffen, von Schuhen, von Lebens- und Genussmitteln die Juden in ihren Wohnungen aufgestapelt hatten. Nachmittags mussten die Wüstensöhne, nur mit Hemd und Hose bekleidet, ohne Hosenträger dafür aber mit Schildern versehen, die die Aufschrift trugen: „Wir sind Landesverräter“ durch die Stadt marschieren. Diese Volkswut hatte das Judentum doch nicht erwartet! Am 11. November sprach ich dann [am] Marktplatz in einer öffentlichen Kundgebung. Noch 2 Tage danach war ich stockheiser.“

Das Tageszeitung „Schlochauer Kreisblatt“ berichtete am 12.11.1938 über die von Werner Koch erwähnte Kundgebung vor den so genannten Volksgenossen: „Redner war Kreispropagandaleiter Koch. Kurz und klar, völlig eindeutig waren seine Ausführungen, die mit Zustimmung aufgenommen wurden. Der Jude, der ewige Feind unseres Volkes, weiss nun, dass wir feigen Meuchelmord nicht ungesühnt lassen. Wir haben durch die letzten Geschehnisse bewiesen, dass wir „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ vergelten. […] Jedem einzigen muss klar werden, was gespielt wird, alle müssen wissen, dass jeder deutsche Mensch zu der grossen Schicksalsgemeinschaft gehört, die auf Gedeih und Verderb zusammenhalten muss. Wer sich ausschliesst, ist ein Verräter am eigenen Volke. Wir können keine sentimentalen Weichlinge gebrauchen, die falsches Mitleid mit den Volksfeinden zeigen,  denn es ist auf keinen Fall am Platze, weil nicht einem Juden auch nur ein Haar gekrümmt worden ist. Unser Zorn war ehrlich, war völlig berechtigt, und der Jude würde uns, wenn wir die Unterdrückten wären, bestimmt nicht so zart angefasst haben, wie wir es taten. Wir müssen weiterhin wachsam bleiben, sehr wachsam, denn der Feind ist wohl geschlagen, doch der Kampf ist noch nicht zuende.“

Die Vorgänge in Schlochau beschreiben kein Extremszenario, sie stehen exemplarisch für die Terrornacht gegen die jüdische Bevölkerung in ganz Deutschland. Überall brannten die Synagogen. Überall drangen die Nazi-Banden in die Häuser der Juden ein, verprügelten und verhafteten die Männer, zerschlugen die Einrichtung und nahmen sich, was sie wollten. Das geschah in aller Öffentlichkeit. Für alle Deutschen sichtbar. Zynisch klingt da der Satz: „Das habe nicht gewusst.“

Als die Juden deportiert wurden, kümmerte sich eine stattliche Anzahl von Verwaltungsangestellten um den letzten Raub an den Opfern. Diese mussten eine Vermögensaufstellung abliefern, so dass sie im Moment der Deportation bequemer enteignet werden konnten. Haus und Hof wurde verschachert. Um den restlichen Besitz der Beraubten überboten sich die Volksgenossen in genauestens protokollierten Versteigerungen. Das geschah in aller Öffentlichkeit. Im Falle von Familie Weile aus Schlochau ist zudem zu befürchten, dass sich die „neuen“ Besitzer nach der Vertreibung 1945 vom deutschen Staat entschädigen ließen.

Johanna Weile zog im Juni 1945 nach Berlin. Im August 1945 füllte sie einen Fragebogen der jüdischen Gemeinde aus. Bei der Frage „Welche Existenzeinbusse haben Sie erlitten?“ schrieb sie ehrlich: „Alles.“ 1946 wanderte Johanna Weile in die USA. Ihre frühere Heimat sah sie nie wieder.

———————————————————

Ohne Hinweise und die Zuarbeit von Dr. Jan Schlösser, Fabian Müller, Silvana Krautz und Theresa Rossmann wäre dieser Beitrag nicht möglich gewesen. Vielen Dank!

Quellen:

– Entschädigungsamt Berlin, Reg.Nr. 338037, Johanna Caminer

– Entschädigungsamt Berlin, Reg.Nr. 53924, Norbert Weile

– Entschädigungsamt Berlin, Reg.Nr. 502604, Lotte Simmenauer

– KZ-Gedenkstätte Dachau, NARA Zugangsbuch Nr. 109 / 017561

– KZ-Gedenkstätte Dachau, Sterbeurkunde Dachau 1941 0063S

– Centrum Judaicum Berlin, CJA, .5 A 1, Nr. 141, Fragebogen Johanna Weile, Bl. 12467

– Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Akten des Häftlingskrankenbaus Monowitz

– Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Sonderliste: Juden-Entlassungen am 23. Dezember 1938, Archiv Sachsenhausen: D 1 A/1020, Bl. 547

– Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Anweisung der Politischen Abteilung vom 23. Dezember 1938, Archiv Sachsenhausen: D 1 A/1022, Bl. 575

– Czarnik Andrzej, Z dziennika hitlerowskiego propagandysty. Zapiski Wernera Kocha z Człuchowa z lat 1936-1941, Słupsk 1998

– Das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945), abrufbar im Internet unter: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/